EGO − DAS SPIEL DES LEBENS / Frank Schirrmacher

EGO − DAS SPIEL DES LEBENS / Frank Schirrmacher
EGO − DAS SPIEL DES LEBENS / Frank Schirrmacher

Wenn man die ersten Kapitel der umfänglichen letzten Publikation des populären, am 12. Juni 2014 verstorbenen Journalisten, Essaylisten, Buchautors und Mitherausgebers der FAZ Frank Schirrmacher  unter dem Titel »EGO − DAS SPIEL DES LEBENS« liest, fragt man sich, warum einem dieser Machtwechsel (oder war es eher ein Fall von schleichender Mutation?) nicht schon viel früher aufgefallen ist. Gilt längst: Der Homo sapiens ist tot − lang lebe und herrsche der Homo oeconomicus (?)

Immerhin ist dieser moderne, rein wirtschaftlich-rationell agierende Menschentyp (im Buch »Nummer 2« genannt) aus Fleisch und Blut und sieht der Nummer 1 (dem echten Menschen), äußerlich zum Verwechseln ähnlich.

Lediglich sein berechnender, misstrauischer, selbstsüchtiger Charakter, seine streng ökonomisch ausgerichtete Vorgehensweise und konsistent-unersättliche Suche nach ihm Vorteile und Nutzen verschaffenden Informationen und Profit, unterscheiden ihn von seinem größtenteils ausgestorbenen Vorgängermodell, das der weltwirtschaftlichen Evolution zum Opfer gefallen ist. Denn nur wer nicht mehr von lästigen menschlichen Regungen und Emotionen in seinen marktorientierten Aktivitäten behindert wird, ‒ sondern statt dessen kühl wie ein mechanisches Uhrwerk gesteuert agieren kann ‒, ist für den beinharten ökonomischen Überlebenskampf und die Eroberung der globalen Märkte im goldenen Zeitalter des Neoliberalismus geschaffen.

Alles nur Hirngespinste und wissenschaftliche Theorien?

Weit gefehlt: Schließlich leben wir in einer überkomplexen, börsenhörigen Welt der digitalisierten Finanzmärkte und des Internets, in der ökonomisch instruierte Agenten vom Typ Nummer 2 – mit elektronischer Unterstützung von automatisierten blitzschnellen Computersystemen – den Tradinghandel hocheffizient dominieren. Haben Sie schon einmal von dem amerikanischen Mathematiker John Nash gehört? Er war es, der das nach ihm benannte, mittlerweile berühmte Nash-Equilibrium, die mathematische Weltformel für konsequenten und erfolgreichen Egoismus konzipierte, die sich seit dem in den Börsenalgorithmen von Hedgefonds, Auktionsplattformen sowie den wichtigsten Werbealgorithmen und vermutlich auch in sozialen Netzwerken spiegelt. Mit Hilfe dieses »großen Ego-Automaten im Herzen unserer Systeme« ist es ein leichtes, Börsenkurse gezielt ‒ in Koordination mit Informationen über DAX- und Dow Jones-notierte Unternehmen sowie auch Stimmungen ganzer Bevölkerungen ‒ im Voraus zu berechnen und diesen immensen Wissensvorteil ›manipulativ-verdeckt‹ konsequent zur Kapital(ab)schöpfung zu nutzen. Zwei weitere wichtige Stichworte in diesem Zusammenhang lauten Informationsökonomie und Multi-Daten-Agent à la Big Data.

Aber wie fing alles an? Und wann genau fand der weltweit folgenreiche Paradigmenwandel statt? Der Autor stellt in  

EGO − DAS SPIEL DES LEBENS

die durchaus plausible und nachvollziehbare These auf, dass die Dinge nach dem 9. November 1989 ins Rollen kamen. Zu diesem Zeitpunkt war der seit Ende des II. Weltkriegs herrschende »Kalte Krieg«, der nervenaufreibende Kampf der Supermächte USA und UdSSR um die Vorrangstellung im Falle eines atomaren Vernichtungsschlags vorbei, den der Westen ‒ dank seines kapitalistisch-ökonomisch ausgerichteten Systems ‒ im Wesentlichen zu seinen Gunsten entschied. Für »EGO − DAS SPIEL DES LEBENS Lebens« in dem es um ständige Gewinnmaximierung geht, war dieser Sieg jedoch nicht etwa das Ende, sondern erst der Anfang.

EGO − DAS SPIEL DES LEBENS

Schließlich brauchten die strategieerfahrenen Mathematiker und Physiker neue Betätigungsfelder. Um es mit den Worten des Autors zu sagen: »Der kalte Krieg packte seine Koffer und zog in die Wall Street ein«; um von dort aus nach eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten die Wertesysteme der Welt gezielt zum Vorteil ihrer neuen Auftraggeber zu verändern. Unter Einfluss der Prototypen Nummer 2 verwandelten sich Strategie und Waffen des kalten Krieges zu ökonomischen Kampfgeräten und formten die Welt zu etwas, das man Neoliberalismus nennt und das konsequent auch hierzulande Schritt für Schritt den Errungenschaften der bewährten sozialen Marktwirtschaft den Rang ablief. Die Geburtsstunde der Alchimisten der Gegenwart, die es schaff(t)en aus dubiosen wertlosen Finanzprodukten »Gold« zu machen, hatte geschlagen. Spätestens seit 2008 zittert die Welt vor neuen Finanzkrisen wie vor unberechenbaren Wirbelstürmen, wurde/n doch innerhalb kürzester Zeit in Folge der geplatzten US-Immobilienblase und anschließenden Lehmann-Pleite Kapital in schwindelerregender Höhe vernichtet und ganze Volkswirtschaften samt Privatanlegern ruiniert. Wie bemerkte der Autor auf Seite 46 seiner Publikation zu diesem Thema so treffend: »Worin besteht beispielsweise der Unterschied zwischen dem Ratschlag, sich im Falle eines Atomangriffs unter einen Tisch zu verkriechen, den amerikanische Kinogänger in den Fünfzigerjahren auf der Leinwand sehen konnten, und dem Ratschlag, finanziell für sein Alter in Märkten vorzusorgen, die eben diese Altersvorsorge vernichten?«

Das anspruchsvolle, spannend geschriebene, aufschlussreiche und letzte (system)kritische Werk von Frank Schirrmacher

EGO − DAS SPIEL DES LEBENS

(ISBN 978-3-89667-427-2), das man durchaus als sein literarisches Vermächtnis bezeichnen kann, ist als ‒ mit vielen Quellen versehene 351 Seiten starke ‒ gebundene Ausgabe im Schutzumschlag zum Preis von € 19,99 beim Blessing Verlag erschienen.

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