Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben / Elke Heidenreich

Elke Heidenreich: Hier geht's lang!
Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben / Elke Heidenreich

Wie nicht anders zu erwarten, hat es Elke Heidenreichs neues Buch mit dem Titel »Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben« wieder einmal innerhalb kürzester Zeit in die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft.

In ihrem jüngsten Werk erzählt die prominente Schriftstellerin und Literaturkritikerin über die »besonderen« der vielen im Laufe der Jahre von ihr gelesenen Bücher, die einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen haben. Da Elke Heidenreich schon seit ihrer Kindheit leidenschaftlich gern liest, zählen dazu natürlich auch Kinder- und Jugendbücher aus den späten 1940er, den 1950er und frühen 1960er Jahren − inklusive der sogenannten »Mädchenbücher« −, die primär noch weiblichen Lesern der Generation 50+ bekannt sein dürften. Wenngleich die Autorin aus heutiger Sicht mancher Lektüre von damals kritisch gegenübersteht, macht sie doch keinen Hehl daraus, dass ihre Persönlichkeit sowie ihr beruflicher Werdegang von vielem damals Gelesenen wesentlich mitgeprägt wurde.

Mit Büchern von Frauen durchs Leben

Elke Heidenreich beschreibt in ihrem Buch eindrucksvoll den Weg aus der Zeit heraus, als nur Männer Bücher schrieben, hin zu der Zeit, als endlich auch Frauen die Welt des Bücherlesens und vor allem des Bücherschreibens für sich entdeckten. Wie schon der Untertitel von »Hier geht’s lang!« ausdrückt, dreht es sich im Buch primär um von weiblichen Autoren verfasste Lektüre, die sich in vielen spezifischen Details von reinen ›Männerwerken‹ unterscheidet. Gerade Leserinnen werden aus eigener Erfahrung nachvollziehen können, dass − und aus welchen Gründen − sich auch Elke Heidenreich in bestimmten Lebensphasen und Situationen in von Frauen zu Papier gebrachter Literatur einfach besser beschrieben, wiedererkannt, verstanden und angenommen fühlte.

Weibliche Selbstverwirklichung

Lange Zeit galt − bzw. gilt vielerorts leider auch noch bis zum heutigen Tag − die weibliche Selbstverwirklichung als grundsätzlich unerwünscht. Unter diesem Aspekt hat Elke Heidenreich den nicht selten steinigen Lebensweg vieler bedeutender Autorinnen recherchiert. Mit Bestürzung erfährt man, dass noch im letzten Jahrhundert nicht wenige Schriftstellerinnen ihr Leben vorsätzlich viel zu früh beendeten. Hochbegabte schreibende Frauen, die an dem aufreibenden Spagat − zwischen ihrem berechtigten Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung und den zu ihrer Zeit vorherrschenden gesellschaftlichen Normen, die eine freie Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen sowohl theoretisch als auch praktisch einengte − verzweifelten und zerbrachen.

Alles hat seine Zeit

Elke Heidenreich hat ihr Buch in einzelne Lebensabschnitte unterteilt und die Kapitel mit den Überschriften  »Das Kind«, »Das Mädel«, »Der Backfisch«, »Die Studentin«, »Die junge Frau«, »Die besten Jahre« und »Heute« betitelt. Hier kann man einen interessanten Einblick gewinnen, in welchem Alter sich die Autorin für welche Bücher begeisterte, bzw. für welche Art von Lektüre und für welche Schriftstellerinnen sie brannte. Seite um Seite beginnt man immer besser zu verstehen, warum speziell diese und jene ausgesuchten Werke und schöpferischen Geister eine besondere Rolle in ihrem Leben spielten und es schafften, sich einen lebenslangen festen Platz in ihrem Bücherregal und ihrem Herzen zu erobern.

Das letzte Kapitel hat sie »Männer« getauft. Natürlich ist eine namhafte Literaturkritikerin in der Größenordnung von Elke Heidenreich nicht nur auf die Lektüre von Frauen fixiert, sondern liest mit gleichem Feuer auch Lektüre von Männern. Einen besonderen Stellenwert hat sie dem deutschen Dichter und Lyriker Gottfried Benn eingeräumt, dessen Gedicht »Mutter − Ich trage dich wie eine Wunde« sie noch heute an das über Jahrzehnte hinweg schwierige Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter erinnert.

Wer nicht fragt, bleibt dumm  

Die Bestsellerautorin sorgte jüngst am 12.10.2021 in einer Markus Lanz-Talkshow insofern für Aufregung und Shitstorms, dass sie sich kritisch zu maliziösen Statements einer jungen Grünen-Politikerin äußerte − um sich dann ihrerseits im Eifer des Gefechts zu einigen auch nicht gerade schmeichelhaften Bemerkungen hinreißen zu lassen. Aber ist die Frage „Woher kommst du?“ wirklich ›rassistisch‹ 🤔?

Bekanntlich gibt ein Wort schnell das andere. So wurde die von Elke Heidenreich in den Raum geworfene Kritik samt der brisanten Frage bereits in der Runde äußerst kontrovers diskutiert. Ob der daraufhin kurze Zeit später im Netz entbrannte Shitstorm gegen die blitzgescheite und streitbare Grand Dame der deutschen Literatur milder ausgefallen wäre, wenn sie der Gendersprache positiv(er) gegenüberstände, sei einmal dahingestellt 🤔.

Es gab jedoch auch viele Stimmen, die sich pro Elke Heidenreichs Statement aussprachen. „… Doch zu meinen, diese Frage dürfe gar nicht erst gestellt werden, ist falsch. Sie kann nämlich nicht nur Vorurteile abbauen, sondern auch den Horizont erweitern”, wurde später u. a. in einem äußerst interessanten bei Cicero+ erschienenen Artikel konstatiert.

Elke Heidenreich auf der Frankfurter Buchmesse 2021

Elke Heidenreich - Autorin des Bestsellers "Hier geht's lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben" - auf der Frankfurter Buchmesse 2021
Elke Heidenreich – Autorin des Bestsellers „Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben“ – auf der Frankfurter Buchmesse 2021

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch, dass Elke Heidenreich auf der Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Gisela Steinhauer auf der ARD-Buchmessenbühne die Gelegenheit erhielt, ihren Standpunkt zu der heiklen Thematik noch einmal kurz klarzustellen.

Wir zwei waren am 21.10.2021 vor Ort und haben den Talk der beiden Damen, in dessen Verlauf die auch rhetorisch großartige Elke Heidenreich über ihr neues Buch, ihre Beweggründe und ihre nicht einfache Kindheit in einem unglücklichen Elternhaus in der Nachkriegszeit plauderte, mit großem Interesse verfolgt. Zweifellos ist die mittlerweile 78-jährige Elke Heidenreich nicht nur jemand, dessen Buchempfehlungen man gern folgt und dessen Bücher man gern liest, sondern dem man auch gern zuhört.

Elke Heidenreich - Autorin des Bestsellers "Hier geht's lang!" auf der Frankfurter Buchmesse 2021
Elke Heidenreich bei der Bücherbesprechung ihres neuen Bestsellers „Hier geht’s lang!“ auf der ARD-Buchmessenbühne am 21.10.2021

Jemand, − wie sie auf der Frankfurter Buchmesse nachdrücklich beteuerte − der stets Achtung vor dem literarischen Schaffen anderer hat und sich nie als gnadenlos »Bücher verreißende« Kritikerin verstand, sondern als Literaturvermittlerin. Als eine leidenschaftliche Liebhaberin guter Literatur, schöner Erzählungen und Gedichte, die ihre primäre Aufgabe immer darin sah, Bücher weiterzuempfehlen, die sie begeisterten und die sie selbst als hilfreich, bereichernd, Lebensmut und Trost spendend empfand, — und Menschen so ans Lesen zu bringen.

Bücher erweitern unseren Horizont

Unser Fazit: Wir zwei von lesemehrwert.de finden Elke Heidenreichs neuen Titel »Hier geht’s lang!« wieder einmal sehr gelungen. Sie hat es einfach drauf, ihr Publikum mit ihrer fließenden und lebendigen, anschaulichen und fesselnden Schreibweise in ihren Bann zu ziehen und versteht es − sozusagen noch ganz nebenbei − Interesse an Büchern und Lust am Lesen zu wecken.

Wir meinen, dass beim Tauziehen um die Bedeutungshoheit bei identitätspolitischen Grundsätzen nicht nur umstrittene Fragen à la „Woher kommst du“ zu einem interessanten Gespräch und zur Erweiterung des Horizonts beitragen können, sondern vor allem auch das Lesen von breit gefächerter Lektüre — und zwar möglichst von Kindesbeinen an. Auch wir sind mit vielen Bücher aufgewachsen und viele von ihnen sind uns als beste Freunde und wertvolle Trostspender in guter Erinnerung geblieben. Ohne ein Werturteil fällen zu wollen, können wir daher aus eigener Erfahrung bekräftigen: „Wer von Kindheit an viel und gerne liest, wird auch sein Leben lang viel und gerne lesen.” Gerade in Zeiten wie heute, in denen das gesellschaftliche Miteinander mittlerweile quasi beinahe täglich neu ausgehandelt werden muss, sind Lesen und Bildung wichtiger denn je.

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Der 192 Seiten starke Bestseller

Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben

(ISBN 978-3-961-61120-1) − mit vielen interessanten Bildern aus dem privaten Fotoalbum der Autorin und Titelbildern der im Buch vorgestellten Bücher samt ihren geistigen Schöpfern − wurde uns als E-Book zur Verfügung  gestellt. Der Titel ist im Eisele-Verlag auch als gebundenes Buch im Schutzumschlag zum Preis von € 26,00 erschienen.

Verlagsinfo

PS: Wer Elke Heidenreichs Bücher mag und mehr von ihr lesen möchte, sollte sich keinesfalls das von uns rezensierte Buch »Männer in Kamelhaarmänteln« sowie auch ihre nachfolgenden vier älteren Erzählsammlungen entgehen lassen:

  • Der Welt den Rücken
  • Alles kein Zufall
  • Ab morgen wird alles anders
  • Kolonien der Liebe