Flüchtiges Begehren − Commissario Brunettis 30. Fall / Donna Leon

Für jahrzehntelange treue Fans wie uns war es eine Selbstverständlichkeit, auch den neuesten Venedig-Krimi »Flüchtiges Begehren − Commissario Brunettis 30. Fall« zu lesen.

Donna Leons Jubiläumsfall
Donna Leon-flüchtiges Begehren
Flüchtiges Begehren / Donna Leon

Kaum zu glauben, dass bereits dreißig Jahre vergangen sind, seit der mittlerweile legendäre Commissario Guido Brunetti in der nicht weniger legendären norditalienischen Lagunenstadt seinen ersten Ermittlungsauftrag erfüllte.

Ab dieser Zeit präsentiert Donna Leon ihrer Leserschaft verlässlich Jahr um Jahr ein neues Verbrechen, das die altehrwürdige Inselstadt in Atem hält und stets auf realen aktuellen politischen und gesellschaftspolitischen Geschehnissen basiert. Die Motive kreisen − wie im wirklichen Leben − um die nie endenden Tragödien rund um menschliche Triebe wie Liebe, Begehren, Streben nach Macht, Neid, Eifersucht, Gier und Bosheit.

Unfall oder Verbrechen?

In ihrem Jubiläums-Krimi konfrontiert Donna Leon den sympathischen Commissario mit einem an die Nieren gehenden Fall: An einem frühen Herbstmorgen erfährt Brunetti, dass in der Nacht zum vergangenen Sonntag auf dem Steg der Notaufnahme eines venezianischen Krankenhauses zwei verletzte und bewusstlose junge Frauen von einem Wachmann aufgefunden wurden. Spuren, die auf ein sexuelles Verbrechen hindeuten könnten, finden sich nicht. Was aber ist geschehen? Während die eine der beiden schwere Gesichts- und Kopfverletzungen aufweist und ins Koma fällt, erlangt die andere nach der Behandlung ihres zweifach gebrochenen Arms zügig wieder das Bewusstsein. Somit steht relativ schnell fest, dass es sich um zwei Touristinnen aus Amerika handelt, die offensichtlich einem Bootsunfall zum Opfer gefallen sind.

Ebenfalls schnell stellt sich dank brauchbarer Aufzeichnungen einer Überwachungskamera heraus, dass die beiden Frauen in der Nacht von zwei männlichen Personen auf dem Bootssteg des Krankenhauses abgelegt wurden. Da Venedig jedoch klein und gut vernetzt ist, waren die Fotos rasch identifiziert, so dass man die beiden unfallflüchtigen jungen Venezianer auf schnellstem Wege abholen und zur Questura bringen konnte. Der Commissario und seine taffe Kollegin Claudia Griffoni staunen nicht schlecht, als einer beiden während des Verhörs plötzlich blutend zusammenbricht.

Finstere Machenschaften

Pardon! Wenn wir anfangs geschrieben haben, dass es sich um ›einen‹ Fall handelt, so ist das nicht ganz richtig. Denn wie sich herauskristallisiert, steckt hinter dem ersten Fall ein noch brisanterer zweiter, der mit dem Unglücksfall verknüpft ist. Im Laufe ihrer beharrlichen Ermittlungen stoßen Brunetti und Griffoni auf einen verdächtig skrupellosen Geschäftsmann, der in seiner Umgebung Angst und Schrecken verbreitet. Tatsächlich gelingt es dem Commissario, einen der beiden in den Unfall verwickelten Männer dazu zu bewegen, diesen geldgierigen Schmuggler und mutmaßlich mehrfachen Mörder in eine Falle zu locken. Der mutige junge Mann allerdings stellt als Salär für seine Mithilfe eine lebensgefährliche Bedingung.

Spätestens ab diesem Moment kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Man will einfach erfahren, ob und wie es dem Commissario zusammen mit den Carabinieri, der Küstenwache und dem geläuterten Helfer gelingt, den mit der nigerianischen Mafia verbündeten gierigen Haifisch ins Netz zu ziehen.

Unser Fazit
Donna Leon vor einigen Jahren auf der Frankfurter Buchmesse

Fakt ist im Fall »Flüchtiges Begehren«, dass sich am Ende nichts so bestätigt, wie es am Anfang den Anschein macht. Uns treuen Donna Leon-Fans hat es wieder einmal großen Spaß gemacht, den scharfsinnigen Commissario Brunetti und sein Team bei ihrer langwierigen und komplizierten Verbrecherjagd kreuz und quer durch Venedig zu begleiten. Erfreulich, dass die Schriftstellerin es sich auch in diesem Roman nicht nehmen lässt, wie gewohnt mittels kleiner Seitenhiebe auf scheinbar unlösbare Probleme hinzuweisen (wie u. a. auf die zerstörerische Gefahr der monströsen Kreuzfahrtschiffe für die auf Holz gebaute Lagunenstadt), Korruption anzuprangern und schonungslos die Machenschaften immer globaler agierender krimineller Organisationen zu thematisieren. Und − wie mehrere unüberlesbare Fingerzeige auf leerstehende Ladenlokale andeuten −, scheint auch an Venedig die Corona-Pandemie nicht spurlos vorübergegangen zu sein.

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Der 320 Seiten starke Jubiläumsband (Hardcover Leinen-Ausgabe)

Flüchtiges Begehren − Commissario Brunettis 30. Fall

(ISBN 978-3-257-07120-7) ist wie alle Venedig-Krimis von Donna Leon im Diogenes Verlag erschienen und kostet €  24,00.

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