Der Kirmesmörder − Jürgen Bartsch / Regina Schleheck

Kürzlich ist uns der von Regina Schleheck verfasste biografische Kriminalroman »Der Kirmesmörder − Jürgen Bartsch« wieder in die Hände gefallen.

Dieser spektakuläre Fall um einen sadistischen pädophilen Triebtäter beruht auf einem wahren Verbrechen, das die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland erschütterte wie kaum ein anderes. Jürgen Bartsch wurde der »Kirmesmörder« genannt, weil er sich seine potentiellen Opfer gern auf Kirmesplätzen aussuchte.

Eine noch nach Jahrzehnten unter die Haut gehende Kindermordserie
Regina Schleheck-Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch
Der Kirmesmörder − Jürgen Bartsch / Regina Schleheck

Wer dieses eindrucksvoll geschriebene Buch liest und sich vielleicht darüber hinaus noch zusätzliches Dokumentationsmaterial, wie u. a. das Werk »Jürgen Bartsch − Selbstbildnis eines Kindermörders« (das auf einem langjährigen persönlichen Briefwechsel zwischen dem Journalisten Paul Moor und dem Täter basiert) zu Gemüte führt, den graust es wahrscheinlich im Nachhinein genauso wie uns, dass es einem Triebtäter wie Jürgen Bartsch − ohne gestoppt zu werden − über einen beträchtlich langen Zeitraum hinweg  gelingen konnte, sich so vieler Opfer zu bemächtigen.

Denn − wie man erfährt, zählen zu seiner Serie nicht nur die auf abscheuliche Art und Weise ermordeten vier Jungen und das fünfte Opfer, das sich befreien und retten konnte, sondern auch eine Reihe weiterer Kinder und Jugendlicher. Am Leben gelassene Opfer, die sich der Metzgergeselle teils mit roher Gewalt, Nötigung und Drohungen gefügig machte, sowie auch solche, die sich mehr oder weniger freiwillig gegen Bezahlung von ihm quälen und missbrauchen ließen.

… verarbeitet zu einem nicht weniger an die Nieren gehenden Thriller

Die Autorin stellt ihrem Lesepublikum den Fall Jürgen Bartsch in Form eines aufrüttelnden Kriminalromans vor. In diesem Sinne hat sie alle sorgfältig recherchierten Fakten zu einzelnen Kapiteln gebündelt und ›mehrere‹ echte Zeitzeugen und -zeuginnen zu jeweils ›einer‹ fiktiven Romanfigur verschmelzen lassen. Somit steht jede/r der in ihrem Buch zu Wort kommenden Erzähler und Erzählerinnen in einem ganz individuellen persönlichen Zusammenhang mit dem Täter und berichtet in der »Ich-Form«. Lediglich die Perspektiven der Opfer schildert die Schriftstellerin grundsätzlich in der dritten Person. In einem hier an späterer Stelle erwähnten Interview erläutert sie, warum sie in jenen Fällen speziell diese Literaturform, die man fast schon als auktoriale Erzählweise bezeichnen kann, gewählt hat.

Der Tatort heute
Der seit langem zugemauerte, heute hinter hohen Leitplanken und wildem Gestrüpp versteckte Eingang zum ehemaligen Luftschutzstollen an der Velberter Heegerstraße

Die furchtbaren Ereignisse trugen sich in der Zeit von 1962 bis 1966 in einem alten Luftschutzstollen an der Heegerstraße im Velberter Ortsteil Oberbonsfeld zu, der zu dem idyllischen rheinländischen Fachwerkstädtchen Langenberg gehört.

Auf unserem Weg zum Altenheim, in dem unsere hochbetagten Eltern seit einiger Zeit leben, kommen wir regelmäßig am Tatort vorbei. Anlässlich der Rezension dieses Buches haben wir kürzlich auf dem Parkplatz angehalten, der sich direkt neben den Wohnblocks auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet und die Stelle an der bereits damals nicht verkehrsarmen Straße fotografiert.

Seit langem schon ist der Eingang der »Höhle« (so nannte der Mörder selbst den unheimlichen Stollen, in den er seine ahnungslosen Opfer lockte, unter Qualen missbrauchte, teils sogar bei lebendigem Leibe zerstückelte und später notdürftig verscharrte),  zugemauert und versteckt sich hinter hohen Leitplanken und wildem Gestrüpp.

Auf den Spuren eines  Mörders
Wegweiser am Fußweg zwischen der Finkenstraße in der Velberter Siedlung Glaube und Tat und der Heegerstraße

Weitere Recherchen führten uns zu dem in nächster Nähe gelegenen Feldweg, den Jürgen Bartsch seinerzeit stets benutzte, wenn er sich in der Nacht heimlich aus seinem Kinderzimmer zu dem jeweiligen Opfer schlich, das er in der Höhle gefangen hielt.

Dieser steile Pfad führt auf direktem Weg von der Finkenstraße, wo der Kirmesmörder bis zu seiner Festnahme am 21. Juni 1966 zusammen mit seinen Adoptiveltern in einer Doppelhaushäfte lebte, hinunter zum alten Stollen an der Heegerstraße.

Sie küsste und sie schlug ihn

Wer aber war Jürgen Bartsch? Der vierfache Kindermörder wurde am 06.11.1946 in einer Essener Klinik unter dem Namen Karl-Heinz Sadrozinski geboren. Da ihn seine leibliche Mutter Anna dort zurückließ und kurze Zeit darauf an Tuberkulose verstarb, eröffnete sich dem gutsituierten kinderlosen Geschäftsehepaar Bartsch die Gelegenheit, das inzwischen 11 Monate alte Kleinkind zu sich zunehmen und später zu adoptieren.

Gerhard und Gertrud Bartsch betrieben damals in Essen-Katernberg eine lukrative Metzgerei. Sie lebten zu diesem Zeitpunkt allerdings noch in der Holsterhausener Goethestraße in einer dunklen Erdgeschosswohnung mit zum Teil vergitterten Fenstern. Hier wuchs der spätere Kindermörder − völlig isoliert von anderen Kindern − unter der Fuchtel seiner krankhaft putzsüchtigen Adoptivmutter auf. Erst später wird bekannt, dass die offenbar mit ihrer Rolle als Geschäftsfrau, Hausfrau, Ehefrau und Mutter überforderte Gertrud Bartsch infolge plötzlicher Wutanfälle auf ihrem Adoptivsohn schon seit seiner frühesten Kindheit bei kleinsten Anlässen Kleiderbügel zerschlug und ihn pikanterweise − bis zu seiner Festnahme im Alter von 19 Jahren (!) − täglich eigenhändig in der Badewanne von Kopf bis Fuß wusch.

Was macht einen Menschen zu einem grausamen Monster?

Zum Ausgleich für ein liebevolles Familienleben überschütteten die verbissen für ihren geschäftlichen Erfolg lebenden Adoptiveltern Jürgen Bartsch geradezu mit Spielzeug. Da der Junge im frühen Kindesalter nie den Umgang mit anderen Kindern gelernt hatte, bot er sich seinen Mitschülern als ›Mobbingopfer‹ geradezu an. Spätestens ab diesem Zeitpunkt will er erste leidenschaftliche Rachegelüste verspürt haben, die sich im Laufe der Jahre in seiner Fantasie schleichend immer mehr manifestierten und steigerten, bis sie eines Tages explosionsartig in der Realität blutige Gestalt annahmen.

Als die Eheleute ein zweites Ladenlokal eröffneten, wurde der Junge im April 1957 zunächst in das Kinderheim Dr. Dawo in Rheinbach bei Bonn und ein Jahr später in das Schulinternat der Salesianer Don Bosco »Marienhausen« in Aulhausen bei Rüdesheim am Rhein verbracht. In ersterem fühlte er sich nach eigenen Aussagen wie im Himmel, in letzterem wie in der Hölle. In der zur damaligen Zeit mit eiserner Hand geführten katholischen Lehranstalt für männliche Kinder und Jugendliche waren drakonische Strafen und körperliche Züchtigungen an der Tagesordnung. Während auf der einen Seite bereits Freundschaften im Ansatz unterdrückt und aufkeimende Sexualität unter den Pubertierenden ›verteufelt‹ wurde, trieben auf der anderen Seite sadistische, wie auch pädophile Geistliche ihr Unwesen. Hier soll sich seinerzeit insbesondere ein Pater namens Gerhard Pütz hervorgetan haben, der im Fall von Jürgen Bartsch beim späteren Revisionsverfahren im Zeugenstand ein bezeichnendes Bild abgab.

Der Kampf der missbrauchten und misshandelten Opfer um Glaubwürdigkeit und ihre berechtigten Forderungen nach konsequenter Aufarbeitung solcher skandalösen Zustände, die damals bedauerlicherweise eben nicht selten in kirchlichen Einrichtungen herrschten, werden bis in die heutige Zeit hinein immer noch von maßgeblichen Instanzen der Katholischen Kirche eklatant behindert.

Weiteres Wissenswerte zur Autorin und ihrem Werk

Die Verfasserin des Buches, Regina Schleheck, gehört dem Netzwerk deutschsprachiger Krimiautorinnen Mörderische Schwestern, der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur ›Syndikat‹, dem Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN), dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), dem P.E.N. und der Kölner Autorengruppe FAUST an.

Genau wie die Autorin waren auch wir noch Kinder, als in den Jahren 1965/1966 kurz hintereinander drei Jungen spurlos verschwanden. Und genau wie die Autorin wurden wir in Elternhaus und Schule ständig gewarnt. Auch Regina Schleheck antwortet in einem interessanten Interview, das sie bei Erscheinen dieses Romans gegeben hat, auf Nachfrage des Histo Journal-Teams: „Oh, ich kann mich noch an viel mehr erinnern. Ich komme ja aus dem Rheinland, da herrschte zu der Zeit aufgrund der verschwundenen Kinder ganz allgemein große Angst. Ich war zwar selbst noch ein Kind damals, aber ich erinnere mich gut, dass man uns ständig eingeschärft hat, bloß mit keinem Fremden mitzugehen. Obwohl Bartsch sich ja nur für Jungen interessierte …”.

Bis zum bitteren Ende

Jürgen Bartsch hätte nach eigenem Bekenntnis seine Mordserie fortgesetzt. Seine Sucht, seine Gier danach, wie im Rausch das Messer zu führen, um endlich ein pochendes Herz in den Händen zu halten, wurde immer stärker. Sobald die letzten Schmerzensschreie verklungen und die Leichen verscharrt waren, trieb ihn sein ruheloser Dämon schon wieder zur Suche nach einem neuen Opfer an. Glücklicherweise konnte sich jedoch sein letzter Gefangener, der damals 14-jährige Peter F., am 18. Juni 1966 von seinen Fesseln befreien, aus der Höhle flüchten und sich in eines der gegenüberliegenden Häuser retten. Ein Aufschrei ging durch Deutschland, als drei Tage später eine heiße Spur aus der Vergangenheit endlich zur Verhaftung des fieberhaft gesuchten Kirmesmörders führte.

In einem aufsehenerregenden Revisionsverfahren vor der Düsseldorfer Jugendkammer erreichte der damalige Star-Strafverteidiger Rolf Bossi im April 1971 im Sinne von Jürgen Bartsch, dass das zuvor beschlossene Strafmaß in eine zehnjährige Jugendstrafe umgewandelt wurde, woraufhin eine Einweisung in eine Heilanstalt in Eickelborn erfolgte. Hier verstarb Jürgen Bartsch, der während seines dortigen Aufenthaltes sogar noch eine Ehe einging, am 28. April 1976 während einer Operation. Er wurde das Opfer eines ärztlichen Kunstfehlers. Auf eigenen Wunsch hatte sich Bartsch entmannen lassen wollen, um sich von seinem unkontrollierbaren Trieb zu befreien — doch aus der offenbar irrtümlich überdosierten Narkose wachte er nicht mehr auf.

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Man sagt, es gäbe Qualen, die »unbeschreiblich« wären. Regina Schleheck tritt mit diesem Roman den Gegenbeweis an. Die Worte, mit denen sie das Martyrium »beschreibt«,  das explizit der kleine Manfred erdulden musste, lässt keine fühlende Seele kalt, so dass man auch dem wahren Mörder seinen vergleichsweise ›sanften‹ Tod nicht recht gönnen mag. Unser Fazit: Wir haben kaum einen authentischer und schonungsloser zu Papier gebrachten Kriminalroman gelesen.

Das erschütternde 244 Seiten starke spannend geschriebene Taschenbuch

Der Kirmesmörder − Jürgen Bartsch

Biografischer  Kriminalroman

(ISBN 978-3-8392-1939-3) ist im Gmeiner-Verlag in der Reihe True Crime (Wahre Verbrechen) zum Preis von € 12,99 erschienen.

Unbedingt sehens- und hörenswert zu den Hintergründen der grauenhaften Geschehnisse ist u. a. auch nachfolgendes, teils mit Original-Tonbandaufnahmen des Täters versehene Material, das sich mit dem Fall des Serienmörders Jürgen Bartsch beschäftigt:

Verlagsinfo